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  • Britta Sperling

Ohnmacht und Kontrollverlust als emotionale Eckpfeiler in der Krise

Es ist unwichtig, ob wir uns in einer kollektiven Krise befinden oder ein einzelnes Schicksal betrachten. Krisenhafte Zustände sind für unser emotionales Erleben die grösste Herausforderung und gleichzeitig Chance uns in handlungsbasierten Bewältigungsstrategien ganz neu zu erleben!


Es geht - wie so oft in der Psychologie - um aktives Annehmen, Betrachten und schlussendliches Loslassen anspruchsvoller und überflutender Gefühle.

Radikale Akzeptanz ist hier das Stichwort!

Das Paradoxe daran: Wenn wir den beharrlichen Wunsch nach Kontrolle und das damit einhergehende Gefühl von Kontrollverlust loslassen, gewinnen wir die Kontrolle zurück ("zumindest" im Gefühl)! Führen wir uns vor Augen, dass es tatsächliche Kontrolle nur in all zu wenigen Zusammenhängen gibt, wird klar, dass es nur eine mögliche Alternative gibt: Mitgehen... !


Wieso gelingt dies dem einen mehr, dem anderen weniger gut?

Im Grunde können wir sagen, dass das Ausmaß indem sich eine bisherige Ausienandersetzung mit den eigenen "Angstmustern" ereignet hat, auf eine generelle Disposition (Veranlagung) trifft. Die Disposition bestimmt sich aber nicht nur aus biologischen Grundgegebenheiten, sondern wirkt ergänzend durch unsere biografische Erfahrung von Bewältigung und Umgang mit Krisen und anspruchsvollen Gefühlen. Aber nicht nur unsere unmittelbaren Erfahrungen sind hier einflussnehmend, sondern das vorherige Erleben ganzer Generationen: man spricht hier in der Psychologie von Transgenerationalität (Bedeutung: den Zeitraum einer Generation übersteigend).


Wie wurde in unserer Ursprungsfamilie mit "starkern Empfindungen" umgegangen (Existentielle Bedrohungsgefühle, überschiessende Wut, lähmende Traurigkeit)? Und wie lebten unsere Vorfahren, Hauptmodelle, Bezugspersonen uns vor, dass mit solchen Gefühlen umgegangen werden kann...? Die traurige Antwort ist: häufig leider gar nicht!


Wir tragen nach wie vor das Erbe in uns, starke Gefühle als solche beängstigend zu finden: Schnell die Tränen weg wischen damit niemand was sieht, bloss nicht laut werden, bevor man verstossen wird, lieber nicht sagen, dass man den Lebensmut beginnt zu verlieren, damit man nicht eingewiesen wird ....


Wann hat uns schon zum letzten mal jemand gesagt: "es ist völlig ok was du da gerade fühlst! Das darf sein! Und ich bin neben und bei dir und halte es mit dir aus." - Und sofort weicht die Enge in der Brust, der Körper zittert nicht mehr ganz so stark, die Atmung wird wieder tiefer und die Gedanken heller...


"Leider" ist dies eine Erfahrung, welche viele Menschen erstmalig im Kontakt mit ihrem Therapeuten erleben. Gut und wichtig, dass es sie gibt - aber stellen wir uns doch einmal vor, was möglich wäre, könnten wir uns gegenseitig etwas mehr Halt geben. Könnten wir uns gemeinsam den kollektiv verdrängten Gefühlen von Angst und Sicherheitsverlust stellen und würden uns nicht - wie momentan erzwungenermaßen - mit und in der Angst vor den eigenen Gefühlen in der Pseudosicherheit unserer eigenen Vier Wänden verschanzen.


Krisen gehören zum Leben. Krisen gehören zum Menschsein. Ich möchte in einer Welt leben, in der auch zukünftig gemeinsames "Aushalten" und gegenseitiges Haltgeben selbstverständlich bleiben kann.


Was mir momentan an der Corona Situation die meisten Sorgen bereitet, ist eine potentielle gesellschaftliche Entwicklung hin zum "Einzelkämpfertum". Ich habe Angst vor dem Einbruch stabilisierender sozialer Strukturen. Ich habe Angst vor dem (erneuten) tiefen Verschließen existenzieller Bedrohungsgefühle im Kollektiv. Ich habe Angst vor einer (erneuten) transgenerationalen Weitergabe unverarbeiteter Gefühle an die Generation unserer Kinder...


#angst #transgenerational #coronakrise #krisenbewältigung #resilienz #ohnmacht #kontrolle



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